Rezension: Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque

"Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque ist eines der wohl erfolgreichsten Werke aller Zeiten und eigentlich in jedem Schulunterricht eine Pflichtlektüre. Absolut zu recht wie ich finde, denn so direkt und unverfälscht habe ich noch nie über den Ersten Weltkrieg gelesen. 

Paul Bäumer und seine Kameraden melden sich freiwillig bei der Bundeswehr und gehen dabei bereits in der zehnwöchigen Rekrutenschule durch die Hölle. Doch dies ist noch gar nichts im Vergleich mit dem, was die 20-Jährigen an der Front erwartet. 

Eine heimatlose Generation
Paul steht stellvertretend für eine ganze Generation von Jugendlichen in Deutschland, die durch den Krieg heimatlos wurde. Von ihren Familien haben sie sich distanziert, ihre Träume und Ideale wurden durch den Krieg zerstört und einen Beruf, eine Frau oder gar eine eigene Familie haben die wenigsten - sie sind vom Krieg entwurzelt worden. Passend dazu folgende Textstelle: "Krieg hinterlässt tiefe seelische Wunden: Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberflächlich - ich glaube, wir sind verloren."
Diese seelischen Wunden erklären auch, warum Paul es nicht schaffte, seiner Familie von dem zu erzählen, was er im Krieg erlebt hatte. Bei seinem Besuch sagte er immer, dass alles gar nicht so schlimm sei, denn er hatte Angst, dass ihn die Erlebnisse einholen würden, wenn er davon erzählte. Auch konnte er nichts mehr mit seinem früheren Leben anfangen, so bedeuteten ihm beispielsweise seine Bücher nichts mehr - sie erschienen ihm nutzlos und unwichtig.


Mix aus Trümmerliteratur und Expressionismus
Der Text ist geprägt von der Erzählung des brutalen Kriegsalltags. Immer wieder schildert Remarque, der selbst einige Wochen an der Front war, wie Soldaten von Minen zerfetzt wurden, wie sie nach Gasangriffen um ihr Leben kämpften, wie sie hilflos nach Deckung suchten wo keine war oder wie sie langsam aber sicher durchdrehten und Selbstmord begingen. Es ist eine einfach, eine direkte Sprache, die Remarque verwendet, dafür trifft sie den Leser umso stärker. Auffällig ist dabei, dass Remarque nie nach einem Schuldigen sucht, nie Anklage erhebt und nie eine politische Ebene in seine Erzählung einfliessen lässt. Er konzentriert sich schlicht und einfach auf das Darstellen der brutalen Fakten. So betrachtet könnte man sagen, dass er ein Vorreiter der Trümmerliteratur war, die in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg aufkam. 
Doch diese Erzählung hat nicht nur Elemente der Trümmerliteratur in sich, sondern auch solche des Expressionismus. Remarque versucht seine Gefühle, Erlebnisse und Empfindungen zu verarbeiten und nimmt dabei überhaupt keine Rücksicht auf die damals vorhandenen Ideale und schockierte so eine ganze Generation. 

Zum Denken anregen
Eine Textstelle ist mir besonders ins Auge gestochen und hat mir zu denken gegeben. Sie soll hier an dieser Stelle den Schlusspunkt setzten und auch Sie zum Denken anregen. Es ist die Stelle, in der Paul im Lazarett liegt, sich umsieht und rund um ihn herum, die viele Verletzten betrachtet: "Man kann nicht begreifen, dass über so zerrissenen Leibern noch Menschengesichter sind, in denen das Leben seinen alltäglichen Fortgang nimmt. Und dabei ist dies nur ein einziges Lazarett, nur eine einzige Station - es gibt hunderttausende in Deutschland, hunderttausende in Frankreich, hunderttausende in Russland. Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist."
(fba)


Bibliografische Angaben:

Titel: Im Westen nichts Neues
Autor: Erich Maria Remarque
Seiten: 198
Erschienen: 1928
Verlag: Kiepenhauer und Witsch
ISBN-10:  3462027212
ISBN-13: 978-3462027211
Bewertung: 

1 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich möchte nur einmal anmerken, dass es zu dieser Zeit keine Bundeswehr gab.

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