Rezension: Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher


„Frühling der Barbaren“, so der Titel des Erstlings von Jonas Lüscher. Der Schweizer legt bei seinem Debüt eine beeindruckende Novelle vor, die metaphorisch und trotzdem kritisch die heutige Gesellschaft durchleuchtet.

Der Schweizer Fabrikerbe Preising weilt in Tunesien, um für seine Firma Prixxing eine mögliche Produktionsstätte zu besuchen. Nach dem Besuch endet der Aufenthalt für ihn mit einigen Tagen im Luxushotel „Thousand and One Night“, das derselben Familie gehört wie die Produktionsstätte. Dort wird Preising Zeuge intensiver und aufwändiger Hochzeitsvorbereitungen zweier britischer Familien. Bald schon lernt er Pippa und Sanford Greyling kennen, die Eltern des Bräutigams. Vor allem mit der Frau freundet er sich schnell an und führt gute Gespräche. So wird Preising spontan zur Hochzeit eingeladen und während die Engländer in Tunesien ein rauschendes Fest feiern, bricht die Wirtschaft in deren Heimat zusammen, was die zivilisierte und heile Welt der Touristen in Tunesien gehörig aus den Angeln hebt.

Kontrastreiche Konstruktion
Zuerst einige Wort zur Form und dem Aufbau. Eine Novelle als Form zu wählen, ist eher ungewöhnlich und nicht mehr ganz zeitgemäss. Doch Lüscher meistert dies gekonnt. Konstruiert eine Rahmenhandlung (Aufenthalt in der Klinik) rund um die eigentliche Geschichte (Aufenthalt in Tunesien) von Preising. Was zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig ist, sind die langen Sätze und das eloquente Vokabular, dessen sich Lüscher bedient. Doch bald schon findet man sich als Leser damit ab und lernt es schätzen, denn diese Art der Erzählung passt perfekt zum eigenwilligen und etwas verstaubten Charakter Preisings.
Lüschers Werk lebt zudem stark von den Gegensätzen. Diese ziehen sich durch das ganze Werk. Preising und sein Chef könnten unterschiedlicher nicht sein, eine 250 000 Pfund teure Hochzeit in einem eher armen afrikanischen Land zu feiern steht genauso im Kontrast wie die Hochzeitsgäste, die mehrheitlich zur gehobenen Schicht Englands gehören, zu den Bediensteten des Hotels. Es sind diese starken Kontraste und die vielen Metaphern und Parabeln beispielsweise zur griechischen Mythologie, die Lüschers Werk interessant machen.

Kritische Betrachtung der Leistungsgesellschaft
Nun aber zum Inhalt. Lüscher schafft es, obwohl die Novelle nur etwas mehr als 100 Seiten lang ist, eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung über die drängendsten Themen der heutigen (westlichen) Welt zu schreiben. Die Wirtschaftskrise wird ebenso behandelt, wie zusammenbrechende Währungen, Niedergänge an der Börse, der Arabische Frühling, die Globalisierung, aber auch die menschlichen Makel und Abgründe. Vor allem die letzten beiden Punkte vermag Lüscher eindrücklich am Beispiel der Hochzeitsgesellschaft aufzuzeigen. Die teils fast schon abstrusen Auswüchse der Globalisierung zeigen sich daran, dass zwei Britische Familien eine 250 000 Pfund teure Hochzeit in einer tunesischen Oase feiern. Die menschlichen Makel daran, dass die Hochzeitsgäste sich im Ressort aufführen, als wären sie die Hausherren. Sie kommandieren die Angestellten umher, präsentieren stolz ihre durchtrainierten Körper, spielen mit ihren Blackberrys und prahlen mit ihren beruflichen und privaten Trophäen. Gerade diese durchaus kritische Betrachtung der heutigen Leistungsgesellschaft mit den sehr grossen Unterschieden, die sie hervorbringt, gelingt Lüscher extrem gut.

Highsociety wird zur barbarischen Horde
Beim Punkt der Zivilisiertheit der Menschen ist Lüscher inhaltlich vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen, doch zur Form der Novelle passt es durchaus. Durch den Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft in England verlieren die meisten der karrierefixierten Hochzeitsgäste ihren Job. Ihre Welt gerät aus den Fugen und als sich das Hotel auch noch weigert, sie weiter zu bedienen, weil sie nichts mehr bezahlen können, treten die menschlichen Urtriebe an die Oberfläche. Die Regeln und Normen der Gesellschaft gelten nicht mehr und aus den einst zivilisierten, westlichen Touristen wird eine unberechenbare, barbarische Horde, die sich von ihren Trieben steuern lässt. Es wird gestohlen, Alkohol in rauen Mengen getrunken, die Hochzeitsgäste verschaffen sich gewaltsam Zugang zur Küche und zu guter Letzt töten sie ein Kamel und setzen, beim Versuch es zu grillieren, das gesamte Ressort in Brand. Dieser letzte Interpretationspunkt mit den Veränderungen des menschlichen Verhaltens lässt sich hervorragend mit den Arbeiten des Soziologen Norbert Elias (Der Zivilisationsprozess) verbinden.

Lüscher legt mit „Frühling der Barbaren“ ein kluges und vor allem auch gesellschaftlich relevantes Werk vor, das sich jedoch nicht ganze einfach liest. Dennoch sehr zu empfehlen. (fba)


Bibliografische Angaben:

Titel: Frühling der Barbaren
Autor: Jonas Lüscher
Seiten: 125
Erschienen: 2013
Verlag: Beck Verlag
ISBN 10: 3406646948
IBSN 13: 978-3406646942
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