Rezension: Ganz normale Helden von Anthony McCarten


Die Fortsetzung von "Superhero" aus der Feder von Anthony McCarten kann nicht mehr ganz an den Vorgänger anschliessen. Trotzdem ist das Werk, in dem die verschiedenen Formen der Trauerbewältigung zentral sind, zu empfehlen. 

Donald Delpe ist an Leukämie gestorben - mit 14 Jahren. Seine Eltern Renata und Jim, sowie sein älterer Bruder Jeff trauern, jeder auf seine Art. Mittlerweile ist es fast ein Jahr her, seit Donald tot ist. Renata ist in eine Depression verfallen, chattet mit einem virtuellen Gott und erhofft sich dadurch die nötige Kraft, um ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Nicht einfacher wird die Situation, als Jeff plötzlich sein Elternhaus verlässt und niemand weiss, wo er sich aufhält. Jim ist dieser Extremsituation nicht gewachsen. Er kommt nicht mehr an seine Frau heran, schon nach wenigen Sätzen beginnen sie zu streiten. Auch auf der Arbeit läuft es ihm nicht mehr wie gewünscht. Er begeht ungewohnte Fehler und ist unkonzentriert, vor allem auch deshalb, weil er viel Zeit im Internet-Spiel „Life of Lore“ verbringt, wo er auf der Suche nach Jeff ist. Doch bald schon macht er dort ungemütliche Entdeckungen und Realität und Fiktion beginnen zu verschwimmen.

Magie ist weg
„Superhero“, der erste Teil der Geschichte rund um Donald und seine Familie, war eines der genialsten Bücher, die ich gelesen habe. Die Messlatte lag also enorm hoch für die Fortsetzung. Wie leider erwartet werden musste, konnte McCarten mit „Ganz normale Helden“ die Vorlage nicht mehr erreichen. Noch immer ist das Werk sehr lesenswert, die Charaktere sind sauber ausgearbeitet und auch im zweiten Teil funktioniert die theaterähnliche Form noch immer. Doch die Magie aus dem ersten Teil, die faszinierenden Beschreibungen, die den Leser sofort in die Geschichte hineingezogen haben, sind weg. Nur noch stellenweise erreichen McCartens Erzählungen die Intensität des ersten Teils. Beispielsweise auf dem Friedhof an Donald Todestag. Dass McCarten dies nicht mehr gelingt, liegt  vermutlich daran, dass der charismatische Hauptdarsteller Donald, der „Superhelden“ zu etwas Besonderem gemacht hatte, gestorben ist und entsprechend nicht mehr vorkommt.

Internet zur Trauerbewältigung?
Trotzdem: Auch die Fortsetzung bietet gute Unterhaltung und viele interessante Diskussionsansätze. Der offensichtlichste ist die Trauer. Jeder in der Familie hat eine andere Art und Weise gefunden, wie er mit dem Verlust von Donald umgeht. Renata chattet mit einem virtuellen Gott. Jeff spielt Life of Lore und verkauft dort die Comic-Bilder von Donald und schreibt ihm SMS auf das Handy, das er in Donalds Sarg gelegt hatte und Jim stürzt sich in die Arbeit und versucht, seinem Sohn in einem Computerspiel hinterher zu spionieren. 
Dass schlussendlich alle drei Personen bei der Bewältigung ihrer Trauer im Internet verirren, ist eine interessante Idee von McCarten. Kann man in der Anonymität einfacher Trost finden als im Alltag bei den Menschen, die man kennt? Oder ist das Internet lediglich eine Flucht vor der Trauer? Diese Fragen sind äusserst interessant und werden von Anthony McCarten ganz am Ende zumindest ansatzweise beantwortet. Zum ersten Mal seit vielen Wochen trifft sich die ganze Familie wieder und spricht über die vergangenen Ereignisse. Das Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion ist spannend zu lesen, wird von McCarten gut umgesetzt und führt am Ende aber gleichwohl zur Konklusion, dass die persönlichen Beziehungen in der Trauernbewältigung wichtiger und hilfreicher sind als die Flucht in die Anonymität des Internets. (fba)


Bibliografische Angaben:

Titel: Ganz normale Helden
Autor: Anthony McCarten
Seiten: 453
Erschienen: 2012
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257067941
ISBN-13: 
Bewertung: 

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