Rezension: Die Korrekturen von Jonathan Franzen

„Die Korrekturen“ ist der vielgelobte Roman des US-Schriftstellers Jonathan Franzen. Ein aussergewöhnliches Buch, das jedoch mit beinahe 800 Seiten etwas gar lang geraten ist.

Die Geschichte handelt von einer gewöhnlichen Amerikanischen Mittelstandfamilie, die im kleinen Städtchen St. Jude lebt. Vater Alfred leidet an Parkinson und Demenz, weswegen seine Frau Enid ihn pflegen muss. Als er dann während einer Kreuzfahrt vom Schiff fällt und ins Spital eingeliefert werden muss, erkennt Enid, dass sie sich nicht mehr lange um ihren Mann kümmern kann, da auch sie gesundheitlich angeschlagen ist. Daher wünscht sie sich noch ein letztes Weihnachten in St. Jude mit ihren drei erwachsenen Kindern Denise, Chip und Gary.

Fünf Lebensgeschichten – eine Familie
Dies ist die Ausgangslage die Franzen für seinen Roman gewählt hat; eine Ausgangslage, die auf den ersten Blick alles andere als interessant wirkt. Franzen gelingt es jedoch mit grossem Geschick, die Lebensgeschichten, Probleme, Ängste und Gedanken der einzelnen Protagonisten miteinander zu verflechten und schafft so ein verstörendes Bild einer amerikanischen Familie. Einer Familie, die eigentlich völlig auseinandergebrochen ist, doch aufgrund der Tatsache, dass eine Familie zusammengehören muss, versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden.

Enids Welt voller Illusionen
Enid ist bei diesem Vorhaben so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt, denn aufgrund ihrer illusionistischen Weltanschauungen und Wunschvorstellungen kommt die Familie immer wieder zusammen. Enid ist es auch, die versucht, ihren Kindern ein schlechtes Gewissen zu machen und sie dazu zubringen, die Lebensphilosophien, die sie für ihren Nachwuchs vorgesehen hatte, in die Tat umzusetzen. So ignoriert sie beispielsweise die Tatsache, dass ihr Sohn Chip als Lehrer von der Universität geflogen ist, weil er sich mit einer Studentin vergnügt hatte, dass sein Drehbuch ein absoluter Reinfall war und dass er nicht für das „Wall Street Journal“

sondern für das „Warren Street Journal“ schrieb – kurz, dass er ein Versager war und nicht der Akademiker, den sie sich immer gewünscht hatte. Auch ihre Tochter Denise versucht sie auf den richtigen Weg zu bringen und davon abzuhalten, mit verheirateten Männern Affären zu beginnen und ihren Job als Köchin in einem renommierten New Yorker Restaurant deswegen zu verlieren. Einzig Gary, der Familienvater und erfolgreiche Wirtschaftsmanager, kann Enids Ansprüche erfüllen. Enid klammert sich auch während einem Grossteil der Erzählung an die Hoffnung, dass ein neuartiges Medikament Alfred retten kann und sie wieder ein normales Leben führen können. Als sie erkennt, dass dies nicht passieren wird, versucht sie mit aller Gewalt ihre Kinder zu einem letzten gemeinsamen Weihnachten in St. Jude zu zwingen, um ihre Illusion der intakten Familie am Leben zu erhalten – etwas, das ihr nicht gelingen sollte.

Langatmig und von Korrekturen geprägt
Franzen schildert die Lebengeschichten aller fünf Protagonisten bis ins kleinste Detail und schmückt sie mit verschiedensten Anekdoten aus. Diese können einerseits äusserst unterhaltsam sein, andererseits aber auch sehr langatmig und uninteressant. Aus diesem Grund brauchte es teilweise ein wenig Überwindung, das Buch nicht einfach wegzulegen.
Neben der Figur von Enid als treibende Kraft ist das Thema der Korrekturen omnipräsent. Alle Figuren wollen ihre Fehler und Makel korrigieren und vertuschen. Gary will beispielsweise nicht wahrhaben, dass er an Depressionen leidet und dass seine Frau und seine Kinder überhaupt kein Interesse an seinen Eltern haben. Denise möchte endlich damit aufhören, sich auf Affären mit älteren und verheirateten Männern einzulassen und Chip will sein bereits abgegebenes Drehbuch korrigieren, um so wieder auf die Erfolgsstrasse in seinem ansonsten trostlosen Leben zurück zu kehren. Ein Medikament namens „Korrektal“ verspricht, alle Demenzkranken und alle Schwerverbrecher zu heilen, in dem sie die im Gehirn fehlgeleiteten Synapsen korrigiert. Damit, so hofft Enid, liesse sich auch das Fehlverhalten ihres Ehemannes zu korrigieren.

Es gäbe noch viel mehr von diesen Korrekturen, die man auflisten könnte, doch ich halte mich an die Redewendung „weniger ist mehr“, die sich auch Franzen bei seinem grundsätzlich ansprechenden Roman hätte zu herzen nehmen sollen.
(fba)

Bibliografische Angaben:

Titel: Die Korrekturen
Autor: Jonathan Franzen
Seiten: 782
Erschienen: 2001
Verlag: rororo
ISBN-10: 3499235234
ISBN-13: 978-3499235238
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