Rezension: Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch

Das Werk "Sansibar und der letzte Grund" von Alfred Andersch wird auf der Rückseite des Buchcovers als "moderner Klassiker" und als "einer der bedeutendsten Romane der deutschen Nachkriegszeit" angepriesen - etwas zu hochgegriffen für meinen Geschmack. 

In der Erzählung von Andersch spielen fünf Personen die Hauptrolle, welche stellvertretend für die Gesellschaft vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges stehen. Die Jüdin Judith Levin sinnbildlich für die Verfolgten und Unterdrückten, der Arbeiter Knudsen für das normale Volk, der Pfarrer Helander für die Religion, der Genosse Gregor für den Kommunismus und der Junge für die Jugend in Deutschland. Die Geschichten all dieser Figuren werden von Andersch geschickt mit dem kleinen Dörfchen Rerik und der Plastik "Der lesende Klosterschüler" in Verbindung gebracht. Die Plastik von Ernst Barlach, die auch in Wirklichkeit existiert, spielt eine wichtige Rolle in diesem Werk, denn sie ist es, die die Charaktere zusammen hält. Pfarrer Helander will sie vor den Nazis, den Anderen wie sie in diesem Werk genannt werden, schützen und bittet darum Knudsen um Hilfe. Zusammen mit Gregor, Judith und dem Schiffsjungen schaffen sie es, die Plastik von Deutschland nach Schweden zu schmuggeln.
Dieser gemeinsame Kraftakt ist den fünf so unterschiedlichen Protagonisten vor allem deshalb gelungen, weil sie miteinander und nicht gegeneinander gearbeitet haben. Hätten sich alle Menschen so verhalten, wäre es gar nie zu einem Ereignis wie dem zweiten Weltkrieg gekommen...

Flucht als Bindeglied der Gruppe

Doch nicht nur die Plastik verbindet die Hauptcharaktere, sondern vor allem auch der Wunsch, Deutschland zu verlassen, zu fliehen. Judith hat sich auf Wunsch ihrer Mutter, die sich das Leben genommen hat, auf den Weg gemacht und hofft, irgendwie nach Schweden zu gelangen. Auch Gregor möchte Deutschland verlassen, weil er nicht mehr an die Ideen der kommunistischen Partei glaubt. Den grössten Drang zu fliehen verspürt aber der Schiffsjunge. Der 15-Jährige findet Rerik todlangweilig und will unbedingt weg. Er will auf keinen Fall so werden wie die Erwachsenen und in Rerik als Fischer versauern. Er will etwas sehen und wie sein Vorbild Huckelberry Finn die Welt bereisen. Aus diesem Gedanken heraus betrachtet er eine Karte, auf der er die Insel Sansibar findet, die er sofort als seine Traumdestination auserwählt. Sansibar steht in diesem Werk nicht als reeller Ort, sondern eher sinnbildlich für einen utopischen Ort mit besserer Zukunft. 

Nur Judith zieht es durch
Obwohl alle immer an die Flucht denken und diese oftmals ihr vermeintlich einziger Ausweg darstellt, flieht am Ende nur Judith. Gregor ist zu stolz, um die Hilfe von Knudsen anzunehmen und Helander opfert sich im Kampf gegen die Andern. Knudsen und der Schiffsjunge sind in Schweden gewesen, entschieden sich dann aber für eine Rückkehr in ihre Heimat. Bei Knudsen spielt dabei sicherlich vor allem der Gedanke an seine Gemahlin Bertha eine Rolle, die sich auf Grund ihrer körperlichen Behinderung in grosser Gefahr vor den Nazis befindet. Beim Schiffsjungen kann man die Meinungsänderung als Schritt in die Erwachsenenwelt deuten, als Entwicklung vom leichtsinnigen, verträumten Jugendlichen hin zum verantwortungsbewussten Erwachsenen, der seinen Platz und seine Aufgabe in der Gesellschaft gefunden hat. 

Langatmige Beschreibungen stören den Lesefluss
An dieser Stelle noch einige Anmerkungen zum Formellen. Andersch bedient sich durchs Band sehr detaillierten und langatmigen Beschreibungen, was den Handlungsfluss teilweise doch arg ins Stocken bringt und somit auch den Lesespass reduziert. In jedem Kapitel wird der Gesichtspunkt gewechselt und eine andere Figur übernimmt die Hauptrolle im Kapitel. Auffällig ist dabei, dass jedes zweite Kapitel dem Jungen gewidmet wird. Auch sprachlich sind die Kapitel des Jungen anders abgefasst, nämlich im "Stream of conciousness". Die Gewalt und der Terror der Nazis wird sehr subtil ins Werk eingebunden und nie explizit erwähnt. So werden die Nazis immer als "die Anderen" betitelt und die Gewalt wird nur angedeutet. 

Das Werk von Andersch vermag also vor allem inhaltlich zu überzeugen, während bei der Form doch einige Abstriche zu machen sind, da vor allem die meist zu lang geratenen Beschreibungen den Lesespass hemmen. 
(fba)

Bibliografische Angaben:

Titel: Sansibar oder der letzte Grund
Autor: Alfred Andersch
Seiten: 178
Erschienen: 1957
Verlag: Diogenes
ISBN-10:  3257236018
ISBN-13: 978-3257236019
Bewertung: 


2 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

leider hat der autor der oben genannten rezension übersehen, dass der eigentliche wert des buches gerade in den angeblich langatmigen beschreibungen liegt. denn in der bilder-und farbensprache stecken die eigentlichen kernaussagen des Buchs...

fba hat gesagt…

Da in einer Rezension ja zu einem grossen Teil der subjektive Eindruck des Autors zum Ausdruck kommt, ist es durchaus legitim, etwas zu kritisieren, das andere überaus positiv finden. Bekanntlich sind Geschmäcker ja verschieden.
Aber ich würde mich freuen, wenn sie noch ein wenig erläutern könnten, in wie fern, die Bilder- und Farbensprache die Kernaussage des Buches sind.

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